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Heidelberg.
27. Oktober 2026

Vom Hörversuch zur Professur

Im Porträt: Jan Rennies-Hochmuth, Alumnus des Boost Fund der Klaus Tschira Stiftung.

In ihren Alumni-Porträts stellt die Klaus Tschira Stiftung von ihr geförderte Menschen vor, die wichtige Impulse in Wissenschaft, Forschung und Gesellschaft setzen. Heute: Wie wird aus einem faszinierenden Hörversuch im Studium ein wissenschaftlicher Schwerpunkt und schließlich eine Professur? Diesen Weg ist Prof. Dr. Jan Rennies-Hochmuth gegangen.

Er ist Professor für Hör-, Sprach- und Neurotechnologien an der Universität Oldenburg und leitet die Gruppe „Persönliche Hörsysteme“ am Oldenburger Standort des Fraunhofer-Instituts für Digitale Medientechnologie (IDMT). Nach seinem Studium in Engineering Physics promovierte er 2013 und habilitierte sich 2023 im Bereich der menschlichen Sprachwahrnehmung. Seine Forschung beschäftigt sich unter anderem mit Sprachverständlichkeit und Höranstrengung in komplexen Situationen sowie mit Technologien zur Verbesserung der Sprachwahrnehmung und individualisierten hörassistiven Systemen. Technologien, die auf Arbeiten seiner Gruppe basieren, kommen heute unter anderem in Kopfhörern, Audiosystemen in Fahrzeugen und professionellen Audiowerkzeugen zum Einsatz.

Von 2019 bis 2020 erhielt Jan Rennies-Hochmuth Unterstützung durch den Klaus Tschira Boost Fund, der von der Klaus Tschira Stiftung gefördert und gemeinsam mit Guidance, Skills & Opportunities for Researchers e. V. (GSO) umgesetzt wird.

Im Gespräch gibt Jan Rennies-Hochmuth Einblicke in seinen Werdegang, seine Forschung und die Erfahrungen, die ihn auf seinem Weg geprägt haben.

Wie würdest du deine Forschung einem Kind erklären?

Kennst du es, wenn du manchmal Sprache nicht gut verstehen kannst, wenn jemand zu weit weg steht, undeutlich redet oder wenn es laut ist? Das geht vielen Menschen so. Leider funktioniert bei vielen auch das Gehör nicht mehr so gut, und dann sind die Probleme manchmal so schlimm, dass sie nicht mehr mit der Familie oder auf der Arbeit kommunizieren können. Wir erforschen, warum das so schwierig ist, und entwickeln Technologien, mit denen es wieder leichter möglich ist, Sprache zu verstehen.

Was verbindet dich mit der Klaus Tschira Stiftung?

Ich war einer der allerersten „Boosties“. Damals war ich gerade von einem Postdoc-Aufenthalt in Boston ans Fraunhofer IDMT in Oldenburg zurückgekehrt. Dort lag die Leitung einer Gruppe in meiner Verantwortung, und unsere Projekte waren alle sehr anwendungsnah und eher auf Produktumsetzung ausgelegt. Deshalb war es im Alltag häufig nicht möglich, die Projektergebnisse zu publizieren.

Der Boost Fund hat mir die nötigen Freiheiten verschafft, weiter an den Grundlagen des Sprachverstehens beim Menschen zu forschen und das mit unseren anwendungsnahen Projekten zu verknüpfen. Dadurch sind mehrere Publikationen entstanden, die ein wichtiger Bestandteil meiner späteren Habilitation wurden. Der Klaus Tschira Stiftung verdanke ich also einen ganz wichtigen Beitrag zu diesem Meilenstein!

Welchen Rat würdest du deinem jüngeren Ich nach dem Schulabschluss geben?

Ich war im Verlauf der Jahre gefühlt so oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort, dass es mir schwerfällt, meinem jüngeren Ich an einer bestimmten Stelle einen ganz anderen Weg zu empfehlen. Vielleicht hätte ich meinen Zivildienst doch schon im Ausland machen sollen. Ich hatte mich damals für ein Projekt in Frankreich beworben, das aber nach anfänglichen Schwierigkeiten bei der Organisation nicht weiterverfolgt wurde. Nach meinen heutigen Erfahrungen mit dem Auslandssemester in Dänemark und dem Postdoc in den USA bin ich sicher, dass das eine tolle und prägende Erfahrung gewesen wäre (und mein Französisch wäre heute wohl nicht so hakelig …).

Wie sieht ein typischer Tag bei dir derzeit aus?

Nach einem meistens noch nicht besonders wortreichen Frühstück mit der Familie verabschiede ich meine Töchter in Richtung Schule und setze mich aufs Fahrrad. Dabei bin ich häufiger, als mir lieb ist, auf Regenklamotten angewiesen, aber ich bevorzuge das Vor-Ort-Sein, weil sich nur so die mal-eben-schnellen-Absprachen ergeben, das Pläuschen beim Kaffeeholen und man einfach schneller mitbekommt, wo der eine oder andere Schuh drückt.

Die erste Zeit am Morgen bin ich dann häufig noch recht allein im Büro, was sehr schön ist, um den Tag zu planen und Dinge wegzuschaffen. Natürlich sind über den Tag verstreut verschiedene Meetings am Fraunhofer-Institut oder der Uni. Dabei muss ich in der Regel inhaltlich ziemlich springen und unmittelbar von Meetings mit Studierenden über ihre Abschlussarbeiten zum Austausch über die Weiterentwicklung der Lehre zu Kennenlerntreffen mit neuen potenziellen Kunden zu (zwar wichtigen, aber eher uninspirierenden) Verwaltungsregeln umschalten. Es ist jedenfalls nie langweilig, und häufig klappt es dann doch, dass ich mich über längere Zeit mit einem Paper oder einem Förderantrag beschäftigen kann.

Wenn man dich an einem freien Sonntag suchen würde: Wo würde man dich wahrscheinlich finden?

Aktuell vermutlich am ehesten im Garten. Dort und im und am Haus ist immer gut zu tun. Oder ich bin beim Fußball mit meiner großen Tochter und ihrer Mannschaft, die ich seit einigen Jahren mit trainiere. Das ist übrigens ein sehr schöner Ausgleich, der mir auch in vollen Wochen recht gut definierte Enden von Arbeitstagen bringt, weil ja sonst 15 Mädels ohne Coach am Trainingsplatz stehen würden. Ich hatte erst Bedenken, dass sich das bei vollen Kalendern gut unterbringen lässt, aber es funktioniert, macht Spaß und tut gut!

Gab es einen Menschen, einen Moment oder einen Impuls, der dein Interesse für Wissenschaft oder deinen heutigen Weg geprägt hat?

Den EINEN Menschen oder Moment gab es nicht, eher eine Reihe von Dingen, ohne die ich wohl woanders gelandet wäre. Meine Lehrer haben mich ermutigt, „etwas mit Naturwissenschaften“ zu studieren und dabei nicht aufs Lehramt abzuzielen. Das hätte mir, glaube ich, zwar auch Spaß gemacht, aber mich sicher auf einen anderen Weg geführt.

Im Studium gab es tatsächlich einen Moment, der entscheidend war: Während meines Auslandssemesters in Dänemark habe ich eine Vorlesung besucht, in der ich zum ersten Mal näher mit dem Gehör in Berührung kam. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass ich die Hörversuche dazu so faszinierend fand, dass ich daraufhin meine Pläne für die Bachelorarbeit geändert habe und so in die Hörforschung eingestiegen bin.

Das war ein großes Glück, weil wir genau in diesem Bereich in Oldenburg einen Forschungsschwerpunkt haben, der zwar damals auch schon bekannt war, sich seitdem aber in das beste Umfeld entwickelt hat, das man sich als Hörforscher wünschen kann. Den Betreuern meiner Promotion, Prof. Jesko Verhey und Prof. Birger Kollmeier verdanke ich meinen wissenschaftlichen Weg in die Hörforschung, der mich letztlich bis zur Professur geführt hat; und Jens Appell verdanke ich meine Begeisterung für die angewandte Forschung, sodass ich auch miterleben darf, dass Forschung wirklich bei den Menschen ankommt.

Bearbeitet von: Merit Bieneck (Merit.Bieneck@klaus-tschira-stiftung.de)