Die Vereinten Nationen haben 2025 zum Quantenjahr erklärt. Die Klaus Tschira Stiftung hat im selben Jahr die Förderlinie „Quantum Information and Gravity“ aufgelegt. Nun, 2026, startet das Projekt. Worum es dabei geht und was sich die Stiftung erhofft, erläutert der Programm-Manager Forschung, Dr. Alex Seuthe, im Interview.
2025 war das Quantenjahr der Vereinten Nationen. Warum ist das Thema so wichtig?
Seuthe: Vor gut 100 Jahren wurden die ersten Schritte der Quantenphysik entwickelt und damit die Grundlage für unser derzeitiges physikalisches Verständnis der Natur des Mikrokosmos gelegt. Heute, ein Jahrhundert später, wirkt sich die Quantenphysik auf alle Bereiche unserer Wissenschaft, Technologie, Kultur und Kunst aus. Ob Magnetresonanztomographie in der Medizin, Lasertechnik, Computer, Smartphones, LED oder Photovoltaik, all das wäre nicht vorstellbar ohne die technologische Umsetzung der Quantenphysik. Die Relevanz für die Zukunft des Quantencomputing ist da noch gar nicht mitgedacht.
Die Klaus Tschira Stiftung hat 2025 die Förderlinie „Quantum Information and Gravity“ aufgelegt. Sie fördert ein Netzwerk führender Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Quanteninformationstheorie und Gravitationsphysik, um grundlegende Fragen zur Physik von Raum und Zeit zu erforschen. Das nun startende Projekt trägt den Titel „Decoding the Quanta of Space and Time“. Worum geht es dabei?
Seuthe: Im Mittelpunkt stehen Themen und Fragen wie diese: Sind Raum und Zeit möglicherweise aus kleinsten Informationsbausteinen aufgebaut? Welche Rolle spielt die Komplexität in der Struktur des Universums? Welche Messgrößen eignen sich, um die Form von Raum und Zeit zu beschreiben? Außerdem werden mögliche Experimente zur Quantennatur der Schwerkraft gemacht.
Was ist das Besondere daran?
Seuthe: Das Team verbindet theoretische Physik, Mathematik und Experimentalphysik, um neue Erkenntnisse zu gewinnen und langfristig ein starkes, international vernetztes Forschungsumfeld in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu etablieren. Dazu gehören Stellen für Nachwuchsforschende, jährliche Treffen, Sommerschulen und Austauschprogramme – alles mit dem Ziel, Wissen zu bündeln, Talente zu fördern und die Forschung an der Schnittstelle von Quantenphysik und Gravitation entscheidend voranzubringen. Die Förderlinie hat hohes Potenzial, international führende Ergebnisse zu erzielen und Europa als zentralen Standort in diesem Forschungsfeld zu etablieren.
Wie wurde die Förderlinie begründet?
Seuthe: Wir haben verschiedenste Persönlichkeiten aus diesen Feldern zu einem interaktiven Workshop eingeladen. Dabei stellte sich heraus, dass es teilweise überraschende Verbindungen gibt. Es könnte sogar sein, dass sich eine neue Art Brücke zwischen den Disziplinen bildet. Denn es ist eine der größten Fragen der Physik, wie die beiden großen Theoriegebäude, also allgemeine Relativitätstheorie und Quantenfeldtheorie, zusammengedacht werden können. Das Forschendennetzwerk könnte Licht in eines der großen Mysterien der Physik bringen und basale Fragen angehen, die uns seit Anbeginn der Quantenphysik begleiten. Zwar hat die Physik immer versucht, eine einheitliche Beschreibung der Natur zu liefern, doch das steht noch aus.
Warum fördert die Klaus Tschira Stiftung eine Förderlinie genau da?
Seuthe: Das ist physikalische Grundlagenforschung in Reinform. Es geht hier um die tiefsten Säulen der Erkenntnis, und gleichzeitig ist das Ganze enorm innovativ.
Die Förderlinie ist aus einem interaktiven Workshop entstanden. Was ist da im Vergleich zu einer klassischen Ausschreibung anders?
Seuthe: Der erste Unterschied ist, dass die Teilnehmenden die Möglichkeit hatten, an der Ausschreibung mitzuwirken. Wir passen dabei die erwünschte Wirkung auf den Bedarf an, arbeiten also mit einer Art Rückkopplungsschleife in das Feld. Punkt zwei ist, dass sich potenzielle Kooperationspartner kennenlernen und zusammengebracht werden. Das sind Synergien von Anfang an.
Das Projekt startet 2026 und läuft vier Jahre: Was dürfen wir erwarten?
Seuthe: Wir erhoffen uns dadurch ein Netzwerk im Bereich Quanteninformationstheorie und Gravitationstheorie zu etablieren, die einzelnen Förderpartner zu stärken, die Kooperation zu fördern und dieses Feld und die Schnittstellen so zu etablieren, dass in Zukunft weitere Projekte angestoßen werden. Aus der Forschungsperspektive erhoffen wir uns interessante Ergebnisse, die die physikalische Grundlagenforschung nach vorne bringen. Aber wie immer bei Forschung ist sie ergebnisoffen.
Wer ist dabei?
Seuthe: Die Förderlinie besteht aus den Teams von Stefan Hollands (Universität Leipzig), Markus Aspelmeyer (Universität Wien), Raphael Bousso (UC Berkeley), Caslav Brukner (IQOQI Wien), Ignacio Cirac (MPI München), Flaminia Giacomini (ETH Zürich), Barbara Kraus (Technische Universität München), Tobias Osborne (Universität Hannover), Renato Renner (ETH Zürich), Michael Walter (LMU München).
Autorin: Kirsten Baumbusch, kirsten.baumbusch@klaus-tschira-stiftung.de