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Heidelberg/Karlsruhe
15. Oktober 2026

„Wir wollen Lotsen sein“

Nationales Institut für Wissenschaftskommunikation qualifiziert Forschende für die wissenschaftliche Politikberatung

Seit diesem Jahr hat das Nationale Institut für Wissenschaftskommunikation (NaWik) den Workshop „Wissenschaftliche Politikberatung“ im Portfolio. Forschende lernen, wie sie ihre wissenschaftliche Expertise wirksam in politische Entscheidungsprozesse einbringen können. Wir haben mit Richard Fuchs, Wissenschaftsjournalist und Dozent am NaWik, über die Inhalte des Workshops und den wachsenden Bedarf an wissenschaftlicher Politikberatung gesprochen.
Er war viele Jahre Korrespondent im Hauptstadtstudio der Deutschen Welle und gibt seine Erfahrungen aus der politischen Berichterstattung an Forschende weiter.

Das Gespräch führten Michelle Wabnitz und Kirsten Baumbusch.

 

Portrait eines Mannes
Richard Fuchs, Wissenschaftsjournalist und Dozent am NaWik

Lieber Richard Fuchs, worum geht es beim neuen NaWik-Workshop „Wissenschaftliche Politikberatung“?

Richard Fuchs: Im Workshop erarbeiten wir, wie Forschende ihre wissenschaftliche Expertise gezielt und strategisch in den politischen Prozess einbringen können. Die Teilnehmenden erfahren: Wer sind die relevanten Akteure? Welche davon sind für mein Anliegen wichtig? Nach welchen Spielregeln läuft der Austausch mit der Politik? Und welche etablierten Formate haben sich bewährt?

Durch diese Analyse entsteht ein Bild davon, wer eigentlich relevant für die eigene Situation ist und über welche Wege sie erreichbar sind. Der erste Workshoptag vermittelt dafür das nötige Handwerkszeug. Am zweiten Tag folgt die Praxis: Die Teilnehmenden entwickeln eine eigene Strategie für ihre Politikberatung. In einem geschützten, vertrauensvollen Rahmen stellen sie ihre Ideen vor, erhalten Feedback und schärfen ihr Konzept direkt weiter.

Wer sollte an dem Workshop teilnehmen?

Fuchs: Der Workshop richtet sich gleichermaßen an Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler sowie an erfahrene Forschende, die Lücken in den gesetzlichen Rahmenbedingungen ihres Fachgebiets erkannt haben und dazu beitragen möchten, sie zu schließen. Ihr Ziel sollte sein, wissenschaftlich fundierte Impulse zu geben und konkrete Veränderungen anzustoßen.
Im Workshop arbeiten die Teilnehmenden heraus, welche Handlungsempfehlungen ihre Institution glaubwürdig vertreten kann – und in welchem Format und über welche Kanäle sie diese wirksam in den politischen Prozess einbringen können.

Möchten Sie also Forschende ermutigen, selbst den Kontakt zur Politik zu suchen, statt darauf zu warten, dass politische Akteure wissenschaftliche Expertise anfragen?

Fuchs: Es gilt nicht, alle Forschenden dazu zu bewegen, politisch aktiv zu werden. Aber wer diesen Weg einschlagen möchte, soll ihn professionell und mit klarem Blick auf Chancen und Grenzen gehen können.

Dazu gehört auch die Frage: Wie viel Zeit, Energie und Engagement kann ich dafür aufbringen? Und mit welchen Partnern lässt sich mein Anliegen wirkungsvoll vertreten? Denn politische Beratung ist selten das Werk Einzelner. Meist entsteht sie im Verbund mit Institutionen, Netzwerken oder anderen Forschenden.

Warum braucht Politik wissenschaftliche Beratung heute dringender denn je?

Fuchs: Wir leben in einer Zeit, in der politische Probleme immer komplexer werden und Entscheidungen oft unter großem Zeitdruck fallen. Wie sichern wir die Rente? Wie gelingt die Energiewende? Solche Fragen lassen sich nicht mit schnellen Antworten lösen.  Politik muss wissenschaftliche Erkenntnisse konsequent nutzen, wenn sie tragfähige Lösungen für die großen Herausforderungen unserer Zeit entwickeln will. Es gibt derzeit ein Momentum für Wissenschaft, auf der politischen Ebene wirken zu können, weil schlicht und ergreifend viele Politikerinnen und Politiker sehen, dass man mit Schnellschüssen und Scheinlösungen nicht weiterkommt.

Ist das die Lücke, die Sie mit dem Workshop ausfüllen möchten?
Fuchs: Politikerinnen und Politiker suchen nach praktikablen Lösungen, um unter Zeitdruck Entscheidungen treffen zu können. Wissenschaft dagegen arbeitet gründlich und nimmt sich die Zeit, komplexe Fragen möglichst genau zu untersuchen. In meinen bisherigen Workshops habe ich die Erfahrung gemacht, dass immer mehr Forschende motiviert sind, über den Tellerrand hinauszuschauen, um mit ihrer Expertise gesellschaftliche Wirkung zu entfalten. Sie möchten dazu beitragen, dass mehr wissenschaftliche Erkenntnisse in gesellschaftliche und politische Debatten einfließen.

Wer über fundierte Expertise verfügt, sollte seine Erkenntnisse auch in den öffentlichen Diskurs einbringen. Denn wer könnte diesen Impuls besser geben als diejenigen, die sich wissenschaftlich intensiv mit einem Thema beschäftigen. Unser Workshop vermittelt das nötige Handwerkszeug dafür. Wir verstehen uns dabei als Lotsen, die Orientierung geben und den Weg begleiten – die Entscheidung, ihn zu gehen, treffen die Forschenden selbst.

Wie beraten Forschende in der Politik, ohne ihre wissenschaftliche Rolle und neutrale Haltung zu verlassen?

Fuchs: Wissenschaftliche Politikberatung muss ergebnisoffen bleiben. Darin unterscheidet sie sich grundlegend von Interessenvertretung oder Lobbyarbeit, die ein festes Ziel verfolgt.

Ihre Stärke liegt in wissenschaftlichen Methoden und belastbarer Expertise. Daraus lassen sich fundierte Handlungsempfehlungen ableiten. Diese sollten jedoch Optionen und Konsequenzen aufzeigen, nicht aber politische Entscheidungen vorwegnehmen. Welchen Weg die Politik am Ende einschlägt, ist ihre Aufgabe.
Eine eigene politische Haltung ist legitim. Sie sollte jedoch klar von der wissenschaftlichen Expertise getrennt bleiben und nicht Teil der wissenschaftlichen Beratung sein. Deshalb ist die Klärung des Rollenverständnisses ein zentrales Element unseres Workshops.

Was macht denn gute Politikberatung aus?

Fuchs: Der erste Schritt ist, dass man seine eigene wissenschaftliche Expertise in Kernbotschaften übersetzt. Was wurde herausgefunden? Anschließend überträgt man die Kernbotschaften in Handlungsempfehlungen. Was kann Politik ändern oder umsetzen, damit eine Situation auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnis besser wird? Die Übersetzung mündet häufig in Policy Briefings.
Ein entscheidendes Stichwort lautet Perspektivwechsel: Was braucht die Politik, um das Problem verstehen zu können? Und was brauchen politische Entscheiderinnen und Entscheider, um überhaupt beschließen zu können? Dieser Übertrag ist in meinen Augen unter dem Begriff handwerklich gut gemachte Politikberatung zu verstehen.

Am Ende wird man aber vielleicht dennoch nicht gehört. Wie bereiten Sie die Teilnehmenden darauf vor?

Fuchs: Wichtig ist, die eigenen Einflussmöglichkeiten realistisch einzuschätzen. Nicht immer ist ein neues Gesetz der beste oder wirksamste Hebel. Manchmal erreichen Forschungsergebnisse deutlich mehr, wenn sie in Normungsprozesse oder in Gremien einfließen und dort künftige Standards mitprägen. Das hat oft eine größere und nachhaltigere Wirkung.

Entscheidend ist, dass in der Öffentlichkeit die wissenschaftliche Expertise leuchtet und gehört wird. Und genau darauf bereiten wir unsere Teilnehmenden vor.

 

Terminhinweise:

Der nächste offene Workshop mit Richard Fuchs findet am 25.11. -26.11.2026 in Präsenz in Berlin statt. Informationen dazu gibt es auf nawik.de.

 

Podiumsdiskussion der Reihe TRIALOG zu „Politik & Wissenschaft“ mit Richard Furchs am 4. November 2026 von 17-18 Uhr, in Präsenz im TRIANGEL (Kaiserstr. 93, in Karlsruhe) oder per Livestream auf: https://www.youtube.com/user/NaWikDeutschland

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