Wie lassen sich in einer immer komplexeren Welt gute Entscheidungen treffen? Dieser Frage widmet sich eine Forschungskooperation, die von der Klaus Tschira Stiftung gefördert wird. Beteiligt sind das Max Planck Institut für Geoanthropologie in Jena, die Arizona State University und die Alexander von Humboldt Stiftung.
Im Mittelpunkt stehen gesellschaftliche Herausforderungen wie Städtebau, Wasserversorgung oder die Energiewende. Hier treffen viele Interessen aufeinander. Gleichzeitig wächst die Menge an Daten und Informationen. Ein gemeinsamer Weg scheint oft kaum noch möglich.
Das Projekt will deshalb digitale Werkzeuge und Formate der Begegnung entwickeln, die Menschen helfen, sich in den komplexen Fragestellungen des Anthropozäns zu orientieren. Als Anthropozän bezeichnen Forschende das Erdzeitalter, in dem der Mensch den Planeten maßgeblich prägt.
Gemeinsam Zukunft gestalten
Die Forschenden wollen Menschen mit unterschiedlichen Interessen zusammenbringen. Betroffene sollen ebenso mitwirken wie Fachleute und künstliche Intelligenz. Sie kann etwa die Perspektive einer Gruppe einnehmen, die am Tisch nicht vertreten ist. Außerdem kann sie in kurzer Zeit verschiedene Zukunftsszenarien berechnen und zeigen, welche Folgen bestimmte Entscheidungen haben können.
Im Zentrum stehen die Herausforderungen der Energiewende auf regionaler und globaler Ebene. Die Forschenden wollen herausfinden, wie datenbasierte Modelle, anschauliche Visualisierungen und der Einsatz Künstlicher Intelligenz gesellschaftliche Debatten ermöglichen können. Ihr Ziel ist eine wissensbasierte Demokratie.
Für dieses Vorhaben bietet das Max Planck Institut für Geoanthropologie ideale Voraussetzungen. Das Institut wurde 2022 gegründet und erforscht die Ursachen und Zusammenhänge der vielfachen Krisen des Anthropozäns.
Ausgangspunkt des Projekts ist das Decision Theater der Arizona State University. Dort wurde ein Beteiligungsformat entwickelt, das Menschen dabei unterstützt, gemeinsame Vorstellungen von der Zukunft zu entwickeln und konkrete Lösungen auszuhandeln.
Neue Werkzeuge für die Zukunft
„Es geht um konstruktive Lösungen“, formuliert Professor Jürgen Renn als einer der maßgeblich verantwortlichen Wissenschaftler. „Um die Spannungsfelder unserer Zeit zu bewältigen, brauchen wir neue Werkzeuge.“
Besonders reizt ihn der praktische Ansatz des Projekts. Es geht nicht um abstrakte Modelle, sondern um konkrete Vorhaben. Ein Beispiel ist eine Gemeinde in Baden-Württemberg, die klimaneutral werden möchte. Dort sollen unterschiedliche Interessen sichtbar werden und Menschen miteinander ins Gespräch kommen.
„Wir wollen weder radikale Vereinfachung noch Fatalismus“, sagt Renn. Die Wissenschaft müsse übersetzen und Zusammenhänge verständlich machen. Nur wenn Menschen das Gefühl zurückgewinnen, selbst etwas bewirken zu können, seien tragfähige Entscheidungen möglich.
Eine wissenschaftliche Begleitforschung untersucht, wie sich diese Verfahren auf andere Regionen übertragen lassen. Gleichzeitig soll sie zeigen, wie sich Transparenz und Glaubwürdigkeit sichern lassen, gerade dort, wo Künstliche Intelligenz beteiligt ist. Das Offenlegen von Annahmen und Datengrundlagen macht deren Ergebnisse angreifbar im besten Sinne: Sie werden zum Gegenstand des Gesprächs, nicht zu dessen Ende. Gelingt das, könnte dies auch das Vertrauen in politisches Handeln stärken.
Autorin: Kirsten Baumbusch (kirsten.baumbusch@klaus-tschira-stiftung.de)
Maßgeblich verantwortliche Wissenschaftler des Projekts sind: Jochen Büttner (Senior Scientist der Abteilung Strukturwandel der Technosphäre des Max Planck Institut für Geoanthropologie), Manfred Laubichler (Global Futures Professor and Director of the School of Complex Adaptive Systems and the Decision Theater at Arizona State University), Jürgen Renn (Direktor der Abteilung Strukturwandel der Technosphäre des Max Planck Institut für Geoanthropologie), sowie Robert Schlögl (Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung).
Kontakt:
Max-Planck-Institut für Geoanthropologie
Lina Schwab, Referentin des Direktors und Program Manager Decision Theater
Tel.: 03641 686-611
E-Mail: schwab@gea.mpg.de