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Heidelberg.
21. Januar 2026

Kann Wissenschaft in der Krise Orientierung bieten?

ZEIT-Journalistin Vanessa Vu stand im Rahmen ihrer von der Klaus Tschira Stiftung geförderten Nature Marsilius Gastprofessur Rede und Antwort.

Kriege, Krisen und Umbrüche erschüttern vertraute Gewissheiten. Mit der Unsicherheit wächst der Wunsch nach Orientierung – auch durch die Wissenschaft. Welche Chancen, aber auch welche Herausforderungen das in sich birgt, brachte Vanessa Vu als Gastprofessorin für Wissenschaftskommunikation an der Universität Heidelberg in einer öffentlichen Vorlesung auf vier Punkte: Einmischung als Pflicht aller Bürgerinnen und Bürger; unbedingte Verteidigung der Wissenschaftsfreiheit; Austausch über alle Grenzen hinweg und der Mut zum Tun.

Rückzug ist keine Option

„Es ist wichtig, den Weg zu beschreiten“, appellierte sie in der Alte Aula. „Rückzug“, das machte die in Bayern in einem Asylbewerberheim aufgewachsene Tochter vietnamesischer Eltern klar, „ist keine Option“.

Die Nature Marsilius Gastprofessur ist eine gemeinsame Initiative von Holtzbrinck Berlin, der Klaus Tschia Stiftung und der Universität Heidelberg. Namhafte Expertinnen und Experten werden eingeladen, um im Rahmen des Kollegs an Studierende und die Öffentlichkeit zu vermitteln, was eine qualitativ hochwertige Berichterstattung über wissenschaftliche Arbeit und Erkenntnis ausmacht – und wie neue Formen des Austausches mit der Gesellschaft angestoßen werden können.

Der Wahrheit auf den Grund gehen

Welche Rolle soll Wissenschaft in der öffentlichen Debatte spielen? Diese Frage gab die Rektorin der Universität Heidelberg, Prof. Frauke Melchior, der Veranstaltung mit auf den Weg. Und Friederike Busch von Holtzbrinck Berlin unterstrich, dass es bei allem Streben nach faktenbasierter Aufklärung auch eine Parteilichkeit für Demokratie und Menschenrechte geben sollte. Vanessa Vu sei hier in besonderer Weise aktiv: Zwar stütze sie ihre Texte auf Zahlen, mache aber gleichzeitig das menschliche Individuum dahinter sichtbar. „Sie verhindert Abstand und zwingt uns zum Hinschauen“, so Busch über Vu. Damit gehe sie der Wahrheit auf den Grund.

Gastprofessur war eine Herzensentscheidung

Die 35-jährige Vanessa Vu ist seit 2017 Redakteurin bei ZEIT online – und arbeitet als Journalistin an der Schnittstelle von Storytelling, Kunst und Wissenschaft. In ihren Reportagen, Analysen und Essays beschäftigt sie sich mit Themen wie Rassismus, Migration und sozialer Gerechtigkeit. Sie wurde für ihre Arbeit unter anderem mit dem Theodor-Wolff-Preis sowie dem Lessing-Preis für Kritik ausgezeichnet. Sie studierte Ethnologie, Internationales Recht und Südostasien-Wissenschaften in München, Paris und London. Außerdem ist sie Absolventin der Deutschen Journalistenschule.

Der Monat ihrer Gastprofessur, so sagte Vanessa Vu, habe sie mit unzähligen Gedanken, Begegnungen und großer Energie beschenkt. Sie sei auf engagierte, leidenschaftliche Menschen in der Wissenschaft getroffen, die gemeinsam und über die Grenzen der Disziplinen hinaus neue Lösungen suchen, wie die Wissenschaft den Menschen Orientierung geben kann. Deshalb sei die Annahme der Professur trotz fortgeschrittener Schwangerschaft eine Herzensentscheidung gewesen.

Das Bedrückende nicht überhandnehmen lassen

Auch ihr, so räumte sie ein, erscheine die Welt oft chaotisch, unsicher und gefährlich. Doch gelte es, das Bedrückende nicht überhandnehmen zu lassen, weil sonst Abstumpfung drohe. Sprechen und sich austauschen sei niemals sinnlos. Es gebe sogar durch die Vielfalt der Kanäle mehr Möglichkeit des Kommunizierens, des Wissens und damit des Bewegens als jemals zuvor. „Reicht es nicht, ein guter Mensch zu sein?“, stellte sie dem Publikum eine Frage, die ihr wohl auch selbst oft durch den Kopf geht. „Nein“, gibt sie die Antwort. Die Rolle des Zuschauens und Nichtstun – und der Resignation sind nicht zu vergeben. Auch, wenn vor allem im deutschsprachigen Raum, die „Public Intellectuals“, also die Intellektuellen wie Hannah Arendt, Jürgen Habermas, Susan Sonntag oder auch Helmut Schmidt, die schon durch die Kraft ihrer Persönlichkeit geistige Orientierung bieten, derzeit rar gesät sind.

Doch das ist kein Grund zum Pessimismus. Denn, so Vu, ebenso wie die Zielgruppen sind auch die medialen Möglichkeiten Menschen zu erreichen diverser geworden. „Vielleicht ist die Menge, der Menschen, die offen sind für neue Ideen, geschrumpft, aber es lohnt sich, für sie zu kämpfen“, appellierte die Gastprofessorin an die Wissenschaft, niemals aufzugeben, die Menschen an die Komplexität heranzuführen.

Autorin: Kirsten Baumbusch (kirsten.baumbusch@klaus-tschira-stiftung.de)

Weitere Informationen:

Nature Marsilius Gastprofessur.

www.uni-heidelberg.de/de/transfer/kommunikation/nature-marsilius-gastprofessur

Marsilius-Kolleg – www.marsilius-kolleg.uni-heidelberg.de/de

Holtzbrinck Berlin – https://holtzbrinck-berlin.com